PJ-Tertial in Buenos Aires

10.12.2017

Diesen Monat berichtet Steffi, unsere YOUngster Mitgründerin, über ihr PJ-Tertial in Buenos Aires:

Buenos Aires – Megastadt der „guten Lüfte“

Meine Liebe für die spanische Sprache und für Großstädte als auch die Suche nach einem Krankenhaus, das eine medizinische Versorgung auf europäischem Niveau anbietet, aber auf der anderen Seite klein genug ist, dass man einen intensiven Kontakt zu den Ärzten aufbauen und sich als Teil des Teams fühlen kann, führte mich nach Südamerika – genauer gesagt nach Buenos Aires in Argentinien – in das Land des Tangos.

Meine Motivation

Bereits nach meinem siebenmonatigen Auslandsaufenthalt im Rahmen des Erasmusprogrammes in Spanien während des Medizinstudiums, war mir klar, dass ich im Rahmen meines Praktischen Jahres einmal mehr Zeit im außereuropäischen Ausland verbringen und meine Spanischfertigkeiten intensivieren wollte. Nachdem ich meine Liebe für die spanische Sprache entdeckt hatte, wusste ich, dass es mich nach Lateinamerika ziehen würde, allerdings war ich mir nicht sicher, wo mich die Reise genau hinführen sollte.
Da ich ein Großstadtfan bin und eine Versorgung auf sehr hohem Niveau kennen lernen wollte, kam für mich am Ende nur Buenos Aires in Frage. Über diesen Weg bin ich auch auf das „Hospital Alemán“ aufmerksam geworden. Mir war bei der Krankenhauswahl sehr wichtig, dass das Klinikum das gesamte Spektrum der medizinischen Versorgung, speziell im Bereich der Chirurgie, sowie die entsprechende Diagnostik, bietet. Auf der anderen Seite wollte ich aber dringend wieder spanisch sprechen und mich in der Kultur und seine Menschen integrieren.

Vorbereitung und Bewerbung

Buenos Aires

Um eine sog. „Rotación“ am „Hospital Alemán“ zu absolvieren, ist eine direkte Bewerbung beim Sekretariat via E-Mail „Departamento de Docencia e Investigación“ des Krankenhauses notwendig (docenciaeinvestigacion@hospitalaleman.com). Auf der Internetseite der Klinik finden sich dazu alle notwendigen Informationen. Zu den Dokumenten, die eingereicht werden müssen, gehört ein Empfehlungsschreiben des Dekans, eine Kopie des Reisepasses, ein kurzer Lebenslauf mit Anschreiben, ein Sprachnachweis (mind. B1), eine Auslandsreisekranken- und Berufshaftpflichtversicherung sowie ein Nachweis über die gängigen Impfungen und den Hepatitis-B-Titer. Herr Lucas Risso vom Sekretariat ist sehr freundlich und antwortet per Email sehr schnell auf alle möglichen Fragen. Aber alle Dokumente und jeglicher Emailverkehr sind auf Spanisch durchzuführen. Und ja, leider müssen im Hospital Alemán horrende Studiengebühren bezahlt werden.

Visum

Als Tourist kann man sich ohne Visum für 90 Tage in Argentinien aufhalten und wer nur ein halbes Tertial in Buenos Aires machen möchte, benötigt kein Visum, allerdings konnte man zum hiesigen Zeitpunkt nur für mind. 3 Monate am Krankenhaus arbeiten. Man sollte unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird. Da ich mich aber für ein ganzes Tertial entschieden hatte und damit länger als 90 Tage im Land sein würde, musste ich mir eine Alternative überlegen. Die Lösung bestand darin, dass ich nach 90 Tagen mit der Fähre nach Montevideo übersetzte und kurz das Land verließ. Nur nach Buchung eines Tickets durfte ich am Flughafen in Frankfurt/Main in die Lufthansamaschine nach Argentinien steigen. Dies konnte ich dann direkt mit einer kleinen Reise durch Uruguay verbinden. Die Überquerung des „Rio“ dauert nur 50 Minuten und ist allemal einen Ausflug wert, zumal man sich so viele Kosten und bürokratische Wege erspart, denn die Bearbeitungszeiten der Ämter sind i.d.R. in Lateinamerika sehr lang.

Das „Hospital Alemán“ in Buenos Aires

Die deutschen Wurzeln des Klinikums machen sich vor allem dadurch bemerkbar, dass alle Hinweisschilder, auch direkt beim Betreten des Haupteinganges in Spanisch und Deutsch vorhanden sind und auch ein kleiner Teil des Personals deutsch sprechen kann, wenn auch nur gebrochen. Die Sorge zu viel deutschsprachige Menschen um mich zu haben, war aber absolut unbegründet, denn ohne Spanisch kommt man in Argentinien, und auch im „Hospital Alemán“, nicht weit. Es war schließlich eines meiner Ziele, mein Spanisch zu verbessern.
Neben dem „Hospital Italiano“, dem „Hospital Britanico“ und „Hospital Español“ zählt das „Hospital Alemán“ zu den renommiertesten Kliniken Argentiniens und ist auch über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Da das Klinikum ein privates Haus ist, hat es ein sehr gepflegtes, patientenfreundliches Ambiente, und eine hervorragende Ausstattung: Computertomographen, Magnetresonanztomographen, PET-Scans, digitales Röntgen, hochpräzise OP-Mikroskope, coronare und cerebrale Angiographien, drei Intensivstationen, acht Operationssäle, ein Verbrennungszentrum, eine Dialyseklinik.

Arbeit in der Chirurgie

Ich habe das ganze Tertial in der Allgemeinchirurgie verbracht, da ich selbst im Studium kaum die Möglichkeit dazu genutzt hatte. Dieser Fachbereich umfasst am „Hospital Alemán“ vier große Arbeitsfelder: Kopf und Hals, Proktologie, allgemeine Chirurgie und Transplantationsmedizin. Im Vorfeld wusste ich, dass es in Argentinien nicht üblich ist, dass die Medizinstudenten während ihrer Praktika eigene Aufgaben übertragen bekommen und richtig mitarbeiten müssen, denn das lernen sie erst als „Residentes“. Es war mir daher klar, dass es sehr stark auf mein eigenes Engagement ankommen würde.
Neben den Klassikern aus der Allgemeinchirurgie wie z.B. Cholezystektomien, Hernien-OPs, Thyreoidektomien, Appendektomien, div. Darm-OPs, habe ich auch Eingriffe am Ösophagus und Magen nach Karzinomerkrankungen sehen können.

Außerdem wollte ich Zeit bei den diversen Sprechstunden, den sog. „Consultorios“, verbringen, die neben den Operationen den gesamten Tag begleitend stattfanden.
Ich konnte stets selbst entscheiden, wie ich meine Zeit in der Klinik verbringen wollte und konnte mich frei in den „Consultorios“ und im OP-Trakt bewegen. Ich war es aus Deutschland gewohnt, dass der „Arbeitstag“ eines Medizinstudenten so um 7:00 Uhr beginnt und gegen 16:00 / 17:00 Uhr endet. Allerdings konnte man hier, wie die anderen Medizinstudenten auch mal gegen Mittag Feierabend machen und hatte so viel Zeit neben der Arbeit auch die wundervollen Ecken von Buenos Aires zu entdecken.

Vom Ärzteteam, bestehend aus dem Chefarzt, Fach- bzw. Oberärzten, „Fellows“ (Ärzte am Ende ihrer Assistenzarztzeit) und „Residentes“ (Assistenzärzten) wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Insgesamt war die Stimmung im Team sehr harmonisch, was sicherlich auch daran lag, dass sich alle – bis auf den Chefarzt – duzten und mit einem Küsschen auf die Wange begrüßten und das Team generell sehr jung war. Natürlich durfte in der Morgen- und der wöchentlichen OP-Besprechung niemals der gefüllte Mate-Becher, den alle kameradschaftlich teilten und die süßen „Medialunas“, ein Frühstücksgebäck, fehlen.
Auch die Ärzte und Patienten haben sich untereinander geduzt, was eine viel engere Beziehung entstehen ließ und mich sehr überraschte. Hier durfte ich auch nach Anleitung selbstständig untersuchen und bei der Diagnosestellung und Planung der möglichen Operation mithelfen.
Viele der Tätigkeiten, wie die zweite Assistenz im OP, die Aufnahme von neuen Patienten, das Verfassen von Arztbriefen, die in Deutschland von PJ-Studenten durchgeführt werden, sind in Argentinien Aufgabe der „Residentes“ im 1. Jahr. Im „Hospital Alemán“ gab es sechs solcher jungen Assistenzärzte/-innen, die außerdem die Visite aller Patienten vorbereiten und die „Guardia“ machen müssen. Für die jungen Ärzte schließt sich an eine solche 24-Stundenschicht allerdings ein normaler Arbeitstag an. Für mich sind das absolut fragwürdige Strukturen, da die gesamte Arbeitslast auf die jungen, unerfahrenen Ärzte abgewälzt wird und viel potentielle Arbeitskraft wie z.B. Medizinstudenten ungenutzt bleibt.

Wohnen und Leben in Buenos Aires

Buenos Aires ist eine turbulente, laute, hektische aber umwerfende und wunderschöne, grüne Stadt, in der zu jeder Tages- und Nachtzeit die Straßen voller Menschen sind, selbst noch morgens früh um 4:00 Uhr die Cafés und Restaurants gefüllt sind, die Häuser so hoch sind und die Straßen so breit sind, dass man es nicht schafft, sie in zwei Ampelphasen zu überqueren. Die Porteños bilden für alles und jedes Schlangen. So steht man in mehreren 10 Meter langen Reihen für den Bus an oder wartet schier unendliche Zeit im Supermarkt. Die Porteños, so wie die Einwohner von Buenos Aires sich nennen, rühmen sich mit der Ähnlichkeit ihrer Stadt zu Madrid, Berlin oder Paris. Buenos Aires liegt aber nicht in Europa und die Argentinier sind eben doch ganz anders als wir. Das fängt beim chaotischen Bus- und Metronetz an, zu dessen Benutzung man ein eigenes kleines Büchlein oder eine eigene App, benötigt und hört bei der Liebe der Argentinier zu allem sehr Süßen und Fettigen und ihrem Fleischkonsum im Form des „Asados“ auf. Überrascht hat mich das große Interesse der Argentinier an Ausländern, speziell an Europäern. Da viele Argentinier europäische Wurzeln haben und zudem massenweise Touristen in der Stadt anzutreffen sind, dachte ich, dass es eigentlich schon normal sei, einen Ausländer zu treffen. Aber jedes Mal, wenn beim Sprechen mein Akzent bemerkt wurde, wurde sich nach meinem Heimatland erkundigt und interessiert ausgefragt.

Die Lebenshaltungskosten in Buenos Aires liegen nur wenig unter denen in Deutschland – zumindest im Vergleich zu Berlin. Ich habe zunächst in einem Hostel im Microcentro übernachtet und mir von dort aus Wohnungen angeschaut und Besichtigungstermine über https://www.compartodepto.com vereinbart. Dies stellte sich zunächst als sehr mühsam heraus, da die verschiedenen Wohnungen eher in einem schlechten Zustand sind und es nicht so einfach ist, mit Einheimischen zusammen zu leben, da die aufgrund von finanziellen Mitteln lange zu Hause bei ihren Eltern leben. So verbrachte ich zunächst zwei Wochen im Hostel und konnte dort, wenn auch nur international, Kontakte knüpfen.
Je nach dem, in welchem Stadtteil man wohnen möchte, schwanken die Zimmerpreise zwischen rund 2.200 und 5.500 Pesos. Das „Hospital Alemán“ liegt in „Recoleta“, einem sehr schönen und sicheren Stadtteil, der viele Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Bars bietet, dadurch aber auch teurer ist. Ich habe im schönem Stadtteil „Palermo“ mit zwei Argentiniern, einer Italienerin und einer weiteren Deutschen zusammen gelebt. Hier findet man zentrumsnah viele grüne Parks und tolle Cafés und Bars und hier findet am Wochenende das Nachleben statt – dementsprechend einer sehr junger und dynamischer, hipper Stadtteil. Gute Stadtviertel sind Recoleta, Barrio Norte, Palermo und Teile von San Telmo.

Insgesamt habe ich Buenos Aires nur etwas gefährlich empfunden, aber von den Einheimischen wird man immer gewarnt, nachts nicht allein durch bestimmte Gegenden z.B. „La Boca“ zu laufen. Die Schere zwischen Arm und Reich ist immens und spiegelt sich insbesondere durch die so verschiedenen Stadtteile wieder. Neben dem prunkvollem „Puerto Madero“ grenzt direkt das Armenviertel um „Retiro“ mit seinen Siedlungen, den „Villas“, die vor allem nach der Weltwirtschaftskrise und der Militärdiktatur entstanden. Und seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001 gehören zu diesem Bild von Buenos Aires zunehmend auch die Schichten, die die Verlierer der wirtschaftlichen Veränderungen in Argentinien sind: die sogenannten „Cartoneros“, die in den Parks inmitten ihres mühsam gesammelten Papierberges schlafen, oder die bettelnden, z.T. unterernährten Kinder am Straßenrand, die anstatt zu lernen den ganzen Tag im Bus oder an den Straßenkreuzungen Bonbons verkaufen müssen und nachts oft einfach nur in eine Decke gewickelt auf einem Pappkarton in einem Hauseingang schlafen.
Man sollte sich einfach an gewisse Regeln halten, d.h. sich nicht in bestimmten Stadtteilen aufhalten, nachts nicht allein nach Hause laufen; aufpassen, welches Taxiunternehmen man nutzt, keinen Schmuck und Handy offensichtlich tragen und immer etwas Bargeld am Körper haben, um. ggf. in Gefahrensituationen etwas Kleingeld geben zu können.

Während meines viermonatigen Aufenthalts hatte ich genügend Zeit, die verschiedensten Seiten von Buenos Aires mit all ihren Sehenswürdigkeiten und dem Kulturprogramm kennen zu lernen – und habe wahrscheinlich doch nur einen Bruchteil dieser riesigen Stadt gesehen. Besonders gut hat mir der Stadtteil „Almagro“ gefallen. Ein junger Stadtteil, der belebt ist durch zahlreiche Künstler und Musiker und den Charme der Tradition jedoch tief in seinem Herzen trägt, insbesondere durch die Milonga-Kultur, Orte an denen man geheim Tango tanzen und erlernen kann. Bis heute ist Almagro eines der Tango-Zentren der Stadt. Der Komponist und Bandleader Osvaldo Pugliese verbrachte seine letzten Lebensjahre hier und war an der Errichtung des „Casa del Tango“ beteiligt.

Genutzt und genossen habe ich auch die allgegenwärtige Präsenz des Tangos in Form von Straßenkünstlern, Shows und den Milongas. Die geheimen Orte und Passwörter zum Betreten erhält man auf der Internetseite https://www.hoy-milonga.com/buenos-aires/es.
Der von mir eher zufällig gewählte Zeitpunkt von November bis März hat sich als sehr glücklich herausgestellt, denn neben den Weihnachtsfeiertagen und einiger verlängerter Wochenenden, während das Krankenhaus nur einen Notbetrieb bot, hatte ich das Glück, ein wenig reisen zu können. So konnte ich u.a. die berühmten Wasserfälle von „Iguazú“ und den Norden Argentiniens, die Region „Salta“, kennen lernen, ich konnte nach Patagonien, ans Ende der Welt und nach Brasilien und Uruguay reisen. Argentinien ist einfach ein unglaublich großes und vielseitiges Land und gerade die Gegend um „Salta“, mit Salzwüsten, skurrilen Steinformationen der „Quebrada de las Conchas“ und den „Montañas de los sietes colores“ stellten einen imposanten Kontrast zu Buenos Aires dar und ist absolut empfehlenswert!!!!
Argentinien ist ein traditionelles Einwanderungsland und so wird auch die Hauptstadt von den Immigranten und ihren Nachfahren geprägt. Die stärkste Gruppe stellen die Italiener dar, die die Stadt neben Weltklasse-Eiscreme mit passabler Pizza versorgen.
Argentinien ist ein stark zentralistisch regiertes Land, wobei Buenos Aires in kultureller, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht den Mittelpunkt des Landes bildet. Inzwischen ist fast jeder dritte Argentinier ein Porteño, also ein Einwohner der Hafenstadt Buenos Aires. Diese vibrierende, hektische Stadt mit ihrer fast greifbaren Energie war für die vier Monate wirklich mein Zuhause geworden.

Stefanie Weber

Einen schönen 2. Advent wünschen euch eure YOUngsters:)