Chirurgietertial in St. Anthony, Neufundland, Kanada

15.11.2017

Diesen Monat berichtet Kristina Götz aus Würzburg über ihr Chirurgie Tertial in Würzburg und Kanada – viele verschiedene Eindrücke und Erfahrungen

Die Chirurgie hat ihre Faszination bei mir nicht erst seit gestern hinterlassen. So freute ich mich, als ich im Mai 2017 meinen ersten Tag meines Chirurgietertials in St. Anthony, Neufundland, Kanada nach 100 Tagen Examenslernen endlich antreten durfte. Meine Euphorie war hier genau richtig und gleich am ersten Arbeitstag durfte und musste ich in einer fremden Sprache eigenständig Patienten betreuen, aufnehmen, Videokonferenzen mit diesen führen und im OP als 1. Assistenz helfen.

Zunächst stellt sich natürlich die Frage, ob tatsächlich das Tertial, das fachlich das größte Interesse in einem weckt, im Ausland verbracht werden soll, da man sich nicht sicher sein könne, ob der Lerneffekt hier ähnlich wie zuhause sein wird. Rückblickend kann ich nur sagen, dass ich aus den 2 Monaten in Kanada in der Allgemeinchirurgie nicht mehr an einem deutschen Krankenhaus hätte lernen können. Die Klinikstruktur in St. Anthony erlaubte es, dass der Verantwortungsbereich von uns PJ Studenten ein wesentlich größerer war und wir sehr viele Aufgaben übernahmen, die sonst Assistenzärzten vorbehalten sind. Wir waren alleine verantwortlich für die morgendlichen und nachmittäglichen Visiten, gaben Medikamentenanordungen, untersuchten die Patienten in der Sprechstunde, diktierten Briefe oder schrieben OP Kurzberichte und berichteten anschließend über unsere Entscheidungen dem Oberarzt oder direkt dem Chef. Da es nur eine kleine Klinik war mit zwei Chirurgen war die Betreuung sehr persönlich und es war stets die Zeit, sich über die weitere Behandlung der Patienten zu beraten. Zusammenfassend hatten wir als Studenten eine sehr verantwortungsvolle Position, verglichen mit deutschen Krankenhäusern. Es bestand auch immer die Option, ob in Diensten, oder im normalen Arbeitsalltag, nicht nur in der eigenen Abteilung mitzuhelfen, so durften wir auch im OP auf die andere Seite zu den Anästhesisten wechseln und selbst intubieren oder bei der ZVK Anlage mithelfen. Die Erfahrung zu machen Behandlungspläne für Patienten in einer sehr dünn besiedelten Region zu erstellen, aber auch viel Verantwortung zu übernehmen haben diese zwei Monate sehr wertvoll gemacht. Eines der Highlights hierbei war, selbst vom Schnitt begonnen, bis zum Bergen der Gallenblase eine laparoskopische Cholezystektomie durchzuführen. Zwar hatte diese Hälfte des Tertials kaum Bezug zur Unfallchirurgie, jedoch die Chance zu haben in dem „geschützten“ Rahmen viel Verantwortung übernehmen zu dürfen hat diese zwei Monate unglaublich wertvoll gemacht. Auch der Freizeitwert kann für Naturliebhaber und Outdoorsportler kaum besser sein. Neufundland ist eine Provinz, die neben Eisbergen, wundervollen Küstenwanderwegen auch Berge und Seen zum Kajaken, Wandern oder Skifahren bietet.

Um das Land und die Leute kennenzulernen, war jeder einzelne Neufundländer, dem wir begegnet sind, motiviert uns auszuhelfen. Fast jedes Wochenende und an vielen Abenden durften wir die Autos aus der Klinik ausleihen und die Gegend erkunden.
Die verbleibenden zwei Monate meines chirurgischen Tertials durfte ich in der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Uniklinik Würzburg verbringen. Hier wurde ich wie selbstverständlich in den Klinikalltag integriert, was vielleicht auch daran lag, dass ich hier nach bereits zwei absolvierten Famulaturen bekannt war und mich nirgends mehr vorstellen musste und keine Einarbeitung benötigte. Die Aufgaben eines PJlers gestalten sich hier, wie auch sonst nach dem eigenen Engagement. Ich wurde also nicht nur mit dem allmorgendlichen Blutabnehmen und Venenverweilkanülen legen betraut, sondern durfte auch eigenständig Arztbriefe schreiben, Stationsarbeit erledigen, eigene Patienten mitbetreuen und bei Visite vorstellen, bei kleinere Eingriffen, wie Metallentfernungen nicht nur als Hakenhalter im OP dabeistehen, in der Notaufnahme eigene Patienten untersuchen, aufnehmen und versorgen. Das Motivierende war, dass man nicht nur als Student beordert wurde um die unangenehmen Aufgaben des Stationsarztes zu erledigen, sondern vielmehr als Kollege auf gleicher Ebene behandelt wurde. So durfte ich mit anderen Studenten zusammen gleich in der zweiten Woche meines PJs an der Bayerischen Jahrestagung der Chirurgen teilnehmen, die dieses Jahr vom Chefarzt der Unfallchirurgischen Klinik des Universitätsklinikums, Prof. Meffert ausgerichtet wurde. Hier wurde bereits im Vorfeld bei der Planung des Kongresses auf die Meinung von uns YOUngster’s Studenten Wert gelegt, und Prof. Meffert hat unsere Vorschläge mit ins Programm einfließen lassen. So gab es speziell für Studenten gekennzeichnete Sessions und Workshops, wie das Versorgen Pertrochantärer Femurfrakturen, Elektrochirurgie, einen Nahtkurs an Schweinebauch und -darm, Arthroskopie am Simulator und als besonderes Highlight durften einige von uns Studenten an einem IBRA Symposium und OP-Workshop mit dem Titel „Gelenkverletzungen an Hand und Ellenbogen: Fälle, Lösungen & Evidenz“ in der Anatomie in Würzburg teilnehmen und die operativen Zugangswege und die operative Versorgung von distalen Radius-, Olecranon-, und Fingermittel- und endgliedfrakturen an Kadavern üben. Aufgebaut war der Kurs für jeweils 2-3 Personen an einer Seite des Körperspenders und somit gab es immer abwechselnd einen Operateur und einen Assistenten. Wir durften den gesamten Tag an dem Kurs teilnehmen und zwischendurch immer wieder selbst Hand anlegen und eine Osteosynthese durchführen. Der Lernfaktor war sehr hoch, da stets ein erfahrener Operateur verfügbar war, welcher sehr motiviert Techniken zeigte effizienter und genauer zu arbeiten.

Es ist ein unglaublich großes Privileg und ein enormer Lernfaktor die Möglichkeit zu haben, bereits als Student solche Kurse zu besuchen und anschließend als Assistent im OP viel genauer mitverfolgen zu können, welcher Schritt als Nächstes kommt. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass einem diese Option bereits im PJ ermöglicht wird und ich bin sehr froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Mein Tipp an alle, die die Faszination für das Fach teilen: Hört euch um und bringt in Erfahrung, wann solche Kurse an eurer Universität ausgerichtet werden, denn oft dürfen interessierte Studenten bei solchen Workshops teilnehmen, wenn beim Veranstalter nachgefragt wird. Es lohnt sich!
Die restlichen 6 Wochen vergingen wie im Flug, da mir immer mehr Vertrauen zugesprochen wurde, und somit ein eigenständigeres Arbeiten sowohl auf Station, als auch in Notaufnahme und OP möglich war. Tätigkeiten wie die Gipsanlage und das Zunähen nach den Operationen wurden schon zu einer Selbstverständlichkeit und durch meine Rotation auf die Hand-, plastische und Wiederherstellungschirurgie im letzten Monat durfte ich auch noch außergewöhnliche Operationen wie die einer Syndaktylie beim Kleinkind sehen.
Alles in Allem kann ich nur empfehlen, nicht vor neuen Erfahrungen zurückzuschrecken, sondern auf die Gefahr hin einen Fehler zu machen, diese trotzdem in die Tat umzusetzen, denn wie bei mir, konnte ich viele wertvolle Eindrücke und Fähigkeiten in Kanada sammeln. Die größte Motivation sollte jedoch sein, egal in welcher Abteilung und in welcher Klinik, Engagement zu zeigen und die Chance zu nutzen so viele Kurse wie möglich mitzunehmen, denn Chirurgie als praktisches Fach kann nicht nur durch Theorie erlernt werden.

In diesem Sinne hoffe ich, dass das Lesen meines Essays Spaß und Lust auf mehr Chirurgie gemacht hat und ich freue mich schon auf den nächsten Schulter- und Ellenbogenkurs in der Anatomie im September!
Eure
Kristina Götz, Universität Würzburg, PJ-Studentin
Würzburg im August 2017