Famulatur am Christian Medical College Vellore, Indien

25.08.2017

In den kommenden Wochen berichtet Julia Lenz über Ihre Famulaturen. Die erste hat sie im Süden Indiens verbracht…

Famulatur am Christian Medical College Vellore, Indien – Julia Lenz

Julia LenzIm März 2017 war es endlich soweit: Die Rucksäcke waren gepackt und alle notwendigen Impfungen absolviert. Zusammen mit zwei Freundinnen trat ich früh morgens die 24-stündige Reise ins ferne Vellore, eine vergleichsweise kleine Stadt mit rund 190.000 Einwohnern im südindischen Bundesstaat Tamil-Nadu, an. Am Christian Medical College Hospital, einem der besten Krankenhäuser Indiens absolvierte ich insgesamt vier Wochen Famulatur, wovon ich die erste in der Notaufnahme und die folgenden drei Wochen in der stationären Orthopädie verbrachte.

Trotz der hohen Qualität des Klinikums und vieler Stunden Vorbereitung in Deutschland war der erste Tag in der Notaufnahme ein Schock. Die Notaufnahme, welche aus drei Anteilen besteht, bietet Platz für ungefähr 40 Patienten. Unterschieden wird zwischen internistischen Patienten, welche im Hauptraum behandelt werden, orthopädisch/unfallchirurgischen Patienten und solchen in Lebensgefahr. Im „Trauma-Room“, welcher der Orthopädie/Unfallchirurgie zugeordnet ist, werden vorwiegend Unfallopfer behandelt. Auf Grund des dichtgedrängten Verkehrs Indiens und des absoluten Mangels an Helmträgern und Autogurten ist dieser Teil immer voll belegt. Es herrscht ein hoher Durchlauf, da viele dieser Patienten operiert werden müssen. Auch im „Resuscitation-Room“, welcher für Patienten mit lebensgefährlichen Verletzungen und Reanimationsbedarf reserviert ist, stapeln sich die Betten nahezu. Hier wird wortwörtlich über Leben und Tod entschieden. Können die Angehörigen nicht bar zahlen oder Ihre Zahlungsfähigkeit anderweitig beweisen, werden die Patienten abgelehnt oder direkt in den Abschiedsraum geschoben, da es keinerlei funktionsfähiges Krankenversicherungssystem gibt. Hier spielen sich tagtäglich dramatische Szenen ab – fassungslose Eltern, welche auf dem blutverschmierten Boden um Hilfe für Ihre Kinder betteln; verständnislose Kinder, die um Ihre Eltern trauern. All dies wird begleitet von einer abgestumpften Hilfslosigkeit der Ärzte, welche Patienten sterben sehen müssen, die mit entsprechenden finanziellen Ressourcen hätten behandelt werden können.

Auf der Notaufnahme in Vellore ist Pragmatismus das Prinzip der Wahl. Zentrale Venen-Katheter sind hier nicht vorrätig und müssen erst von den Angehörigen gekauft werden – bei Bedarf werden daher stattdessen sehr viele großlumige Zugänge gelegt. Stauschläuche gibt es nicht, also werden Gummihandschuhe zur Blutentnahme um den Arm gebunden. Auf Grund der hohen Durchseuchung mit Tuberkulose werden Risikopatienten nicht isoliert – Platz dafür gäbe es sowieso nicht. Hygienemaßnahmen und Infektionsschutz wird auch sonst nicht besonders großgeschrieben. Trotz Allem werden die Diagnosen meist schnell und treffend mit Hilfe weniger einfacherer Untersuchungsmethoden gestellt.

Meine Zeit in der Notaufnahme verbrachte ich größtenteils im Resuscitation- und im Trauma-Room. Ich lief meist bei Oberärzten mit, da die Assistenzärzte oft keine Zeit für Unterricht aufbringen konnten. Die Verständigung war hierbei kein Problem, da alle Ärzte dank des englischsprachigen Studiums fließend englisch sprechen – nur der indische Akzent war hier anfangs gewöhnungsbedürftig. Viele interessante Krankheitsbilder wie Schuss- und Stichwunden, welche ich in Deutschland bisher nicht gesehen hatte, konnte ich von Aufnahme bis zur OP-Planung mitverfolgen. Auch gab es oft die Möglichkeit, die Röntgenbilder und Operationsverfahren mit zu besprechen.

Die restlichen drei Wochen meiner Famulatur verbrachte ich auf der Orthopädie. Gleich am ersten Tag wurde ich einem Oberarzt zugeteilt, welcher mich mit in die Sprechstunde nahm. Während des ganzen Tages unterrichtete dieser mich an Hand der Patienten, besprach alle Röntgenbilder und Befunde sehr eingehend und empfahl mir die Lektüre spezieller Krankheitsbilder für den Abend. Ich durfte alle Patienten vor- beziehungsweise nachuntersuchen und viele Fragen stellen. Über diese Zeit habe ich sehr viel gelernt und meine Untersuchungsfähigkeiten verbessern können. Ab dem zweiten Tag durfte ich zudem mehrmals die Woche in den OP. Nach einigen Tagen des Kennenlernens und Mithelfens durfte ich mich einwaschen und bei den Operationen assistieren. Hierbei wurde mir meist das Operationsverfahren sowie Indikation und Alternativoptionen erläutert.

Aus meiner Zeit in Vellore habe ich sehr viel mitgenommen, da die Famulatur sehr gut organisiert und der Unterricht ausgezeichnet war. Zudem hatte ich die Chance Krankheitsbilder wie die Tuberkulose, welche in Deutschland bisher eher selten vorkommen, eingehend zu studieren. Die Unterkunft auf dem Universitätscampus war sicher und sauber. Während unserer Zeit in Vellore waren noch ca. 30 andere Studierende aus vielen Ländern dort, mit welchen wir jedes Wochenende Ausflüge ans Meer oder zu Sehenswürdigkeiten in Südindien unternahmen.

Fazit: Die Famulatur am Christian Medical College Hospital Vellore würde ich jederzeit empfehlen. Eine lange Vorlaufzeit mit präziser Planung ist essentiell; Tamil-Sprachkenntnisse erleichtern den Aufenthalt ungemein.

Julia Lenz

Website: www.cmch-vellore.edu

Kontakt für Rückfragen: youngsters.ou@gmail.com