PJ Tertial in der Notfallaufnahme des Uniklinikums Leipzig

07.05.2017

Heute berichtet Marie Samland aus Leipzig über ihr PJ Tertial in der Unfallchirurgie in der Zentralen Notfallaufnahme des Universitätsklinikums Leipzig:

Marie Samland

‚Heute ist ja schon wieder ganz schön was los‘, dachte ich beim Betreten der Notfallaufnahme. So ist es aber meistens zu den Spätdiensten. [Die Studenten dürfen sich die drei Dienste (Früh/Mittel/Spät) frei wählen, es dürfen nur nicht mehr als zwei Studenten pro Schicht anwesend sein. Da ich gerade die einzige Studentin bin, habe ich mich nach gusto eingetragen. Die erlebnisreichsten Schichten sind aber meistens die Spätdienste von 15:00-23:30 Uhr.] Hektisches Gewusel im Eingangsbereich. Etwa drei Rettungsdienste schoben gleichzeitig Patienten herein und die Pfleger begannen bereits, die Überwachungsmonitore und EKG-Geräte heran zu schieben und Patientenliegen zu holen. Einer der drei Patienten hatte einen Stiffneck um und eine große, nur dürftig abgedeckte Platzwunde an der Stirn – gut, was für uns, dachte ich. Die diensthabende Chirurgin nickte mir freundlich zu und ich konnte ein stummes „Hi!“ von ihren Lippen ablesen. Jetzt lieber nicht die Übergabe der Rettungsdienste an die Ärzte unterbrechen. Der Chef war dabei und nahm die Patienten an. Nachdem wir unseren Patienten vorsichtig umgelagert hatten und mit dem Body Check durch waren, ging es mit ihm schon in den Untersuchungsraum. Der Ablauf bei Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma ist immer gleich, es muss der Glasgow coma scale (GCS) ermittelt, nach Bewusstlosigkeit gefragt und ein eventuelles neurologisches Defizit und Pupillendifferenz abgeklärt werden. In unserem Fall: GCS 15, keine Bewusstlosigkeit oder Erinnerungslücke, kein neurologisches Defizit, Pupillen lichtreagibel, isokor, keine Seitendifferenz. Es folgte eine gründliche körperliche Untersuchung, wobei ich, abgesehen von der Platzwunde an der Stirn, noch eine druckschmerzhafte Schädelkalotte und ein Klopfschmerz über dem Jochbein beidseits fand. Auch die HWS war klopfschmerzhaft. Am linken Ellenbogen und am linken Knie waren oberflächliche Schürfwunden mit einem beginnenden Hämatom zu erkennen. Die Unfallchirurgin bat mich, alles für den FAST (FAST ist ein Akronym für Focused Assessment with Sonography for Trauma) vorzubereiten, sie würde gleich dazu kommen. Das Ultraschallgerät war bereits hochgefahren, und ich begann schon mit dem Schallen. Kein Perikarderguss, Morison- und Kollerpouch ohne freie Flüssigkeit. Die Leber schien normal groß zu sein mit homogenes Parenchym und glatter Oberfläche. Nieren waren soweit unauffällig. Die Harnblase war gut gefüllt und glattwandig. Der Patient schaute mich mit großen Augen an, ich beruhigte ihn und erklärte ihm die nächsten Schritte: „Wir müssen ein Bild von Ihrem Kopf machen, um eine Fraktur auszuschließen.“ Ich fragte ihn weiter nach blutverdünnenden Medikamenten und er sagte, er nehme Xarelto bei Vorhofflimmern ein. Die Frage nach Erbrechen, Übelkeit, Schwindel, Doppelbilder oder Schwerhörigkeit verneinte er. Einzig große Kopfschmerzen hätte er die ganze Zeit. Unser Patient schien auch über Ort und Zeit orientiert zu sein und berichtete mir erneut, was genau vorgefallen war. Da der Unfall auf der Baustelle passiert ist und es sich damit um einen Arbeitsunfall handelte, mussten wir sämtliche Dinge ausführlich protokollieren. Die Chirurgin war inzwischen dazu gekommen und hatte selber noch einmal den FAST durchgeführt. Danach schaute sie sich die Radiologie-Scheine an, die ich vorbereitet hatte und nickte zustimmend. Aufgrund der Blutverdünnung bekam der Patient kurze Zeit später als Bildgebung eine cCT sowie eine CT-Aufnahme der HWS sowie Röntgenaufnahmen des linken Ellenbogens und des linken Knies. Als er wieder bei uns in der Notfallaufnahme war, nahmen wir ihn mit in die Wundversorgung, ein speziell ausgestatteter Raum. Die Wunden wurden gereinigt und versorgt, er erhielt eine Tetanus-Auffrischungsimpfung – und das Highlight: die Platzwunde an der Stirn durfte ich mit immerhin fünf Stichen allein zunähen. Für unseren Patienten ging es weiter auf Station, da bei Schädel-Hirn-Trauma unter Blutverdünnung stets 24 Stunden überwacht werden muss.

 

In meinen allerersten Tagen in der Zentralen Notfallaufnahme war ich noch sehr zurückhaltend, erkannte aber schnell, dass die Pfleger und Ärzte über jede Hilfe ungemein froh waren. Es ist eine Freude mit allen Hand in Hand zu arbeiten, den Patienten zu helfen und schnell die richtige Diagnose zu finden. Jede Hilfe wird gewertschätzt, und an ärztlichen Fertigkeiten kann man in der Zentralen Notfallaufnahme verdammt viel mitnehmen, von Tetanusimpfungen verabreichen, über Blasenkatheter legen, Platzwunden nähen, grüne oder größere Flexülen im Handumdrehen legen, Ultraschall durchführen und einfach am laufenden Band Anamnese und klinische Untersuchungen von Patienten durchführen. Die ZNA der Uniklinik Leipzig wird interdisziplinär geführt, was auch Sinn macht, denn oft ist der Sturz mit der Platzwunde kein rein chirurgisches Problem – da hier auch bspw. eine Herzrhythmusstörung die zugrundeliegende Krankheit sein könnte und abgeklärt werden muss. So kann man als Student im Schockraum schnell mal bei einer Reanimation dabei und im Anschluss im Herzkatheter mit zugegen sein und miterleben, wie ein Leben gerettet wird. Einfach auch von der Ankunft eines Schwerverletzten an dabei sein, über Schockraum, CT-Untersuchung und in den anschließenden OP mitgehen. Einmal habe ich ein akutes Abdomen miterlebt, bei dem kurze Zeit später eine perforierte Appendizitis diagnostiziert wurde und notfallmäßig operiert wurde – auch das habe ich mir doch nicht entgehen lassen und bin die ganze Zeit über dabei geblieben! Aber auch die „Basics“ der O&U sind in der ZNA immer und ständig allgegenwärtig: Die Versorgung der „klassischen“ Oberschenkelhalsfraktur beim älteren Menschen, Gipse und Verbände bei Frakturen, Repositionen von luxierten Schulter- und Ellenbogengelenken miterleben, Bänderriss im Sprunggelenk nach Supinationstrauma, Verbrennungen, Wirbelsäulenverletzungen, Einteilung der Sprunggelenkfrakturen, Achillessehnenruptur, Kalkaneusfraktur, Bandscheibenvorfälle, einfach alles

Ich kann nur jedem Student im Praktischen Jahr empfehlen, in die Zentrale Notfallaufnahme zu rotieren. Nehmt dort alles mit, was ihr zu Gesicht bekommt, stellt viele Fragen, nehmt die Angebote von Schulungen, Kurse und Weiterbildungen wahr, holt euch bei jeder sich bietenden Möglichkeit das Ultraschallgerät dazu und schallt die Patienten ab…

Viel Spaß!